Gelassenheit lässt sich üben

Der Duft von Tannengrün oder frisch gebrannten Mandeln auf dem Weihnachtsmarkt, das Gefühl der ersten Schneeflocke auf den Lippen - wer diese Dinge bewusst und dabei wertfrei wahrnimmt, ist achtsam.

Wenn es sich um derlei positive Empfindungen handelt, ist es natürlich einfach, solche Gefühle wahrzunehmen und sich daran zu erfreuen. Doch nicht immer sind die Wochen vor dem Heiligen Abend besinnlich, sondern eher mit Eile und Terminstress verbunden. Wenn eine Situation – egal ob für ein Kind oder einen Erwachsenen – dauerhaft belastend wird, ist Achtsamkeitstraining ein gutes Mittel, um diesem Stress flexibel zu begegnen, Ängste abzubauen und gelassener zu werden. Einfache Übungen helfen dabei, Angst, Streit oder Wut schneller zu reduzieren. Langfristig führt ein gezieltes und gelerntes Innehalten zu mehr Selbstsicherheit und Ruhe, im Berufsalltag wie in der Schule. Aspekte dieses Geistestrainings sind deshalb auch Teil des fit4future-Moduls „Brainfitness“, das Lehrkräften und Schülern dabei hilft, zum Beispiel Prüfungsangst zu überwinden und zu einer lernfördernden Atmosphäre beizutragen.

Günther Hudasch ist Experte für Stressbewältigung. Als Vorstandsvorsitzender von AKiJu e.V. und dem Berufsverband der Achtsamkeitslehrenden (MBSR-MBCT Verband e.V.) ist es ihm ein besonderes Anliegen, Kindern, Lehrkräften aber auch Eltern effektive Methoden an die Hand zu geben, um gelassener durchs Leben zu gehen. Wir haben ihm ein paar Fragen gestellt, um "Neulingen" das Thema nahezubringen.

 

Das fit4future-Interview mit Günther Hudasch zum Thema Achtsamkeit
"Es ist wichtig, dass die Eltern mit auf die Reise genommen werden"
 

fit4future: Was genau muss man sich unter Achtsamkeit vorstellen?

Günther Hudasch: Achtsamkeit ist ein Training des Geistes, der Aufmerksamkeit und des bewussten Wahrnehmens, das uns dabei hilft, wieder zu uns zu kommen. Dabei ist die innere Haltung wichtig: Wir begegnen dem, was wir wahrnehmen, mit Freundlichkeit und soweit wie möglich ohne es zu beurteilen. Dadurch entsteht eine neue Qualität in unserem Bewusstsein. Wir sind stärker verbunden mit uns, konzentrierter und ruhiger. Und wir wissen eher, was gut für uns ist.


f4f: Warum ist es für Jung und Alt so wichtig, gelassener zu werden und achtsam durchs Leben zu gehen?

G. H.: Gelassenheit braucht ein langes Training. Aber erste Wirkungen des Achtsamkeitstrainings zeigen sich recht bald: Wir können uns besser konzentrieren und werden nicht ständig von den vielen Reizen in unserer Umgebung davongetragen. Reizüberflutung ist für Kinder und Erwachsene ein wachsendes Problem. Mit dem Training der Achtsamkeit lernt man, mehr von dem wahrzunehmen, was in unserem eigenen Geist und Körper passiert – und das ist tatsächlich sehr viel mehr, als wir normalerweise merken. Dadurch kommen wir zu uns, statt ständig außer uns zu sein. Und so lernen wir Stück für Stück Gelassenheit. Aber es ist im Grunde ein nicht endender Prozess. Das regelmäßige Üben kann dann dazu führen, dass wir weniger ruppig miteinander umgehen, präsenter in allen Situationen sind, klarer in unserer Wahrnehmung werden und dabei schließlich entspannter und auch mitfühlender.
 

f4f: Welche praktischen Übungen würden Sie unseren Lehrkräften empfehlen – für sich selbst und zur Vermittlung an die Schüler?

G. H.: Meditation steht ganz oben auf der Liste um Körper und Geist zu trainieren und zwischendurch etwas Ruhe in den Schulalltag zu bringen. Sie ist aber auch für die Lehrkräfte geeignet, um in der Mittagspause kurz zu entspannen. Es gibt oft verdrehte Vorstellungen über das, was Meditation ist. Der Schneidersitz ist dabei genauso wenig zwingend, wie etwa Räucherstäbchen oder andere „Accessoires“. Im Grunde ist es recht einfach:

  • Setzen Sie sich aufrecht hin. Das kann auf der Couch sein, auf einem Stuhl oder auch auf dem Boden mit einem Kissen. Wichtig ist, dass die Wirbelsäule sich aufrichten kann.

  • Schließen Sie die Augen oder lassen Sie sie halb geöffnet, legen Sie die Hände auf Ihre Knie oder in den Schoß.

  • Und dann achten Sie zunächst nur für einige Minuten auf den Atem. Beobachten Sie, wo Sie den Atem im Körper spüren können – an den Nasenlöchern, beim Heben und Senken des Brustkorbes oder des Bauches … und bleiben Sie für einige Minuten dabei.

  • Wenn Sie bemerken, dass Sie mit Ihren Gedanken auf Wanderschaft gehen, bemerken Sie dies freundlich und kehren Sie dann entschlossen mit Ihrer Aufmerksam zu Ihrem Atem zurück.

Dann gibt es noch Übungen zur Körperwahrnehmung, wie z.B. den Body-Scan (oder einfacher: das Spüren des Körpers von innen). Hier  bei dem man im Liegen seinen Körper erspürt, vom kleinen Zeh bis zur Schädeldecke. Dies lässt sich einerseits als abschließende Übung in eine Sportstunde integrieren. Zum anderen ist es ein schönes Ritual für Familien, damit die Kinder abends oder auch zwischendurch zur Ruhe kommen.

Wenn ein Kind oder auch man selbst sehr unruhig ist, können auch sehr langsam ausgeführte Chi-Gong-Übungen helfen. Sie sind einfach zu erlernen, beruhigen Geist und Körper und verbessern die eigene Wahrnehmung.
 

f4f: Bald sind Weihnachtsferien. Eigentlich eine gute Zeit, um abzuschalten. Gibt es Rituale und kleine Übungen, die sich jetzt gut üben und später dauerhaft im Familienalltag integrieren lassen? Auch als Vorsatz fürs neue Jahr…

G. H.: Familien können die eben beschriebene Meditationszeit in den Tag einbauen: Wählen Sie für sich oder auch gemeinsam mit den Kindern oder dem Partner so viele 5- bis 30-minütige Pausen, wie es gut möglich ist.

Auch können Familien eine Mahlzeit mit einem Moment des Innehaltens beginnen, um sich dafür zu öffnen, was gerade auf dem Teller ist und was man darüber weiß, woher es kommt. Denn es ist sehr gesund, dankbar für das alles zu sein. Oder Sie nehmen sich täglich mehrere kleine Pausen um zu üben, immer wieder ganz in den Moment einzutauchen. Das kann über einige tiefe, bewusste Atemzüge zwischendurch geschehen oder auch das bewusste Trinken einer Tasse Tee, das achtsame Gehen (also ganz bewusst die Schritte wahrnehmen, die der Körper tätigt, um einen Weg zurückzulegen) oder leichtes Yoga, bei dem es vor allem auch um das Spüren geht.

Hilfreich sind die vielen alltagstauglichen Übungen. Mit alltäglichen Tätigkeiten wie Zähneputzen oder Aufräumen üben wir, wirklich präsent zu sein.


f4f: Wie sieht ein achtsamer Alltag für Kinder aus und wie führt man sie an diesen heran? Das hilft sicher auch vielen Eltern zu entschleunigen.

G.H.: Die meisten Kinder lieben Achtsamkeitsübungen wie eine kleine Reise durch den Körper, ein paar Minuten Atemmeditation. Auch das Wahrnehmen und Aussprechen von Gedanken, die gerade da sind, beruhigt sie nicht nur, sondern steigert auch ihre Fähigkeit zur Konzentration und zur Wahrnehmung ihrer Innenwelt. Bei Jugendlichen können solche Übungen ein Mittel sein, der Verunsicherung durch die Pubertät eine nicht wertende Eigenwahrnehmung entgegenzusetzen und damit aus dem inneren – oft kritischen – Monolog auszusteigen.


f4f: Wie kann man Kindern das Thema zugänglich machen?

G. H.: Lehrer oder Eltern sollten Achtsamkeit zunächst für sich kennen lernen. In einem weiteren Schritt können sie ihre Erfahrungen dann in das Familienleben integrieren oder eben in ihre Arbeit mit Schulklassen. Mit unserem gemeinnützigen Verein Achtsamkeit für Kinder und Jugendliche – AkiJu e.V. haben wir im Internet viele Informationen zusammengetragen. Dort kann man sich zum Beispiel auch über spezielle Fortbildungen zum Thema oder bereits realisierte Projekte an Schulen informieren und viele weitere Tipps finden. Unsere Erfahrung zeigt: Es ist wichtig, dass die Eltern mit auf die Reise genommen werden, weil es auch für sie extrem hilfreich ist.

 

Einen schönen Bericht mit persönlichen Erfahrungen eines fit4future-Head Coaches zu diesem Thema finden Sie auf Focus Online.

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